2011: Berlin

Es fühlt sich an wie eine Flusskreuzfahrt….                          Kurz nach 10 Uhr. Wieder ein herrlicher Tag. Auf der Aussichtsplattform des Schiffes fährt uns der Wind durch die Haare. Es ist der leise Abschied von Berlin….
Für gut zwei Stunden gleiten wir auf der Havel über den Tegeler See nach Spandau, den Wannsee zur Glienicker Brücke bis Potsdam/Cecilienhof. Bedrohlich knapp unter Brücken hindurch (und Brücken gibt mehr als in Venedig!), also, Kopf einziehen schadet nicht. Das Schiff kann sogar das Führerhaus komplett absenken. Genial einfach.
Noch genialer war das Reiseprogramm für vier Tage Berlin. Danke lieber Norbert und danke liebe Cornelia, es waren wunderbare Tage. Es waren auch 1.394 gefahrene Kilometer im komfortablen Reisebus, davon allein 252 nur in Berlin.
Freitag der 30. Sept.: Abfahrt (fast) pünktlich um 8 Uhr mit dem Schwarz-Bus und Rainer Wieder als neuem Fahrer. Blasorchester, Angehörige und Freunde verteilen sich auf die 60 Plätze. Die Klimaanlage ist gut eingestellt. Und ein Berliner ist schon an Bord und wünscht uns einen wunderschönen Tag – Norbert Kutta, der Dirigent, der Reiseleiter, der Organisator der Berlinfahrt.
Vor Berlin staut es sich an einer dieser üblen „Scheinbaustellen“ und auch in der großen Stadt gibt es keine grüne Welle. Dafür stellt uns Norbert „seine Stadt“ vor – „ihr seht jetzt links den Park, die krumme Lanke…“ und Otto Reuter singt das Lied: …“  Berlin ist ja so groß, so groß, so jroß!“  Recht hat er; der Weg zum Hotel ist noch so weit und auch die Stadtautobahn ist verstopft.  Und weil hochkarätige Musikanten wie wir nicht irgendwo logieren, heißt es folgerichtig: Carat-Hotel.
Das Garchinger Blasorchester ist der „Überraschungsgast“ des Abends bei der Familienfeier im Hotel Mercure.  Mit allen Gästen feiern wir den 90. Geburtstag von Norberts Mutter, Frau Gretel Kutta. Die beneidenswert rüstige Dame hat unsere musikalische Attacke mit dem Wies´n Hit – „Schlag auf Schlag“ – ungerührt hingenommen.  Schon eher vom Schlag gerührt ist das Servicepersonal. Mit dem sprichwörtlichen Durst einer Blaskapelle sind sie restlos überfordert.Dann aber ab mit dem Bus zum Alexanderplatz. Als letztes Highlight des Tages starten wir um 22 Uhr mit dem U-Bahn-Cabrio in die Berliner Unterwelt. Wir werden mit Schutzhelmen und Audiogerät ausgestattet.
„… und wenn alle Passagiere in den offenen Wagen Platz genommen haben, startet die ungewöhnliche Rundfahrt durch Berlin. Der Zug saust mit 35 km/h durch das Berliner U-Bahnnetz und passiert verschiedene U-Bahnhöfe, wobei es lustig ist, einen Blick in die verblüfften Gesichter der auf dem Bahnsteig wartenden Fahrgäste zu werfen…“ so der offizielle Werbetext der Bahn. Und so war es auch.
Weit nach Mitternacht auf dem Weg zum Hotel ein letzter Halt bei einer Currywurst – Braterei. Höllisch scharf! Teuflisch gut! Dann aber schnell ins Bett.
Frisch auf zur Sightseeing – und Shopping-Tour am Samstagmorgen. Im vorgewärmten Bus zum Olympiastadion. Die Weitsichtigen und Schwindelfreien treffen sich auf dem Turm. Bis zur Erdkrümmung nur Berlin – es ist ja so groß, so groß, so jroß! Weiter geht’s über den Ku-Damm für ein zweites Frühstück zu Rogacki. Von der Auster bis zum Zackenbarsch, fangfrisch oder appetitlich veredelt, bei dieser Vielfalt hat man die Qual der Wahl. Norbert stellt ein frischgezapftes Pils im KADEWE in Aussicht. Also nichts wie hin und zügig in den 5. Stock. Zwei Stunden sind das Zeitlimit für alle, die durch das riesige Kaufhaus flanieren möchten.
Am Berliner Dom ist der Bus geparkt bis 19 Uhr. Genügend Zeit für das Nikolaiviertel, den Gendarmenmarkt usw. Wer Norberts langen Schritten folgt, ist gut beraten und erfährt zu jedem Objekt zeitgeschichtlich Wissenswertes. Alle müden Asphalttreter sind pünktlich am Bus, der uns quer durch die Stadt ins Hotel bringt und nach kurzer Erfrischung nach Hohen Neuendorf, zum Abendessen in die Himmelspagode. Märchenhaft illuminiert leuchtet uns der 30 m hohe mehrgeschossige Tempel entgegen. Chinesische Esskultur in kunstvoller Architektur mit phantasievollen Menuebezeichnungen. Und so verwöhnen wir Gaumen und Seele mit „das neugierige Pferd“, die „Melodie des Meeres“ oder einfach nur „So Sik Pau“. So schließt man einen herrlichen Tag ab.
Am Sonntagmorgen werden wir zum Erntedankfest in den Mäckeritzwiesen erwartet. Unser Frühschoppenkonzert im Kirchgarten erfreut die fromme Gemeinde und einige Laubenpieper aus der Nachbarschaft. Nach Bockwurst mit Kartoffelsalat heißt es Abschied nehmen, denn auf unserem Programm steht das Gründerzeitmuseum im Gutshof Malsdorf.
Quer durch Berlin von West nach Ost und entlang der Karl-Marx-Allee. Auf dem fast zwei Kilometer langen Abschnitt zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor entstand nach verheerenden Kriegszerstörungen 1952-60 die wohl monumentalste Straßenbebauung des 20. Jh. in Deutschland.
Irgendeinmal hat auch das große Berlin eine Stadtgrenze; aber vorher kommt noch der Gutshof Malsdorf mit dem Gründerzeitmuseum.
Die Mahlsdorfer Sammlung zählt zu den beeindruckendsten Gründerzeitsammlungen Deutschlands.  Es besteht aus vollständig eingerichteten Wohnräumen und einer Musikmaschinensammlung. Im Souterrain befindet sich die berühmte „Mulackritze“ in der Zille zu Hause war, mit Vereinszimmer und Hurenstube. Unsere Museumsführer sind spürbar infiziert mit der Sammelleidenschaft des Gründers Lothar Berfelde, genannt Charlotte von Malsdorf.
Für 18 Uhr sind wir zum Abendessen im Ratskeller Köpenick angemeldet. Die Wahl aus sechs möglichen Speisen wollte der Koch schon am Freitag wissen. Klar, die hausgeräucherte Flugentenkeule mit Apfelrotkohl lässt sich nicht a´la Minute auf den Tisch bringen! Unser moderner Bus schluckt die Schläge der holprigen Straße hin zum Müggelsee. An seinen Ufern könnte man eine Villa haben, oder wenigstens ein paar Tage Urlaub machen – so schön ist´s in dieser Ecke von Berlin. Aber auch der Ratskeller weiß zu gefallen als historisch erhaltener Gastraum und das „rechtzeitig“ bestellte Essen kommt rasch auf den Tisch. Es schmeckt allen und das Bier ist frisch gezapft und gepflegt. So gestärkt fahren wir den weiten Weg zum Reichstag.
Für 21.30 Uhr ist unsere Führung gebucht. Rund um das Brandenburger Tor ist alles vorbereitet für eine mitternächtliche Party zum Tag der Deutschen Einheit.
Wir erfahren mit Knopf im Ohr auf dem kreiselnden Weg hinauf zum Kuppelende und zurück alles Wissenswerte über Berlin, Reichstag und Bundestag. Berlin bei Nacht und in der Draufsicht reicht wieder bis zur Erdkrümmung. Berlin ist einfach so groß, so groß, so jroß!
Aber der Platz zum Mitfeiern ist zu klein rund um das Brandenburger Tor. Eine fast unglaubliche Menschenmenge ballt sich hier zusammen – kein Platz mehr für die fröhlichen Garchinger. Das muss auch Norbert einsehen. Nicht einmal den Ur-Berliner lassen sie mitfeiern als krönendem Abschluss einer erlebnisreichen Reise.
NB. Auf dem schier endlosen Weg nach Hause (und der obligatorischen Pause bei Mc-Do) greift kurz vor der Ausfahrt Garching Nord der famos chauffierende Rainer zum Mikrofon. Es war ihm und seiner Frau ein großes Vergnügen mit uns zu fahren und sie freuen sich schon auf die Bläserfahrt im nächsten Jahr.
Karl-Friedrich Dyck