2009: Thüringer Wald

Freitag, 2. Oktober gegen 8 Uhr.
Noch schnell ein kurzer Blick auf die Wetterprognose im Videotext für das nördliche Franken und den Thüringer Wald – Temperaturrückgang auf 12 Grad bei zunehmender Bewölkung und gelegentlicher Schauerneigung –

Also jeder seinen Regenschirm in den Koffer, Notenständer, Flügelhorn und Notenmappe sowieso. Um neun Uhr ist pünktlich Abfahrt zum dreitägigen Ausflug mit dem Blasorchester Garching – aber – ohne die große Trommel!

Am Steuer sitzt, wie viele Jahre schon unser Schorsch, eine Bus-fahrerlegende. Begleitet und hilfreich unterstützt von seiner Frau. Das Getränkedepot ist gut gefüllt, vor allem mit dem köstlichen Hopfengold aus der Hallertau.

Die Autobahn nimmt uns auf wie ruhiges Fahrwasser; die Gelegenheit für eine kurze, aber herzliche Begrüßung von Organisator, Reiseleiter und Dirigent Norbert Kutta. Unser Nahziel ist die Wallfahrtskirche Vierzehn Heiligen. Noch näher ist allerdings ein guter Schluck zum Frühschoppen und für die Abstinenzler bietet Cornelia Gummibärchen und Zuckermäuse an.

Killi juckt das alles nicht: er braucht eine Mütze Schlaf nach der letzten Wiesnnacht, damit sich die Blässe im Gesicht verflüchtigt.

Kloster Banz ist linksseitig schon zu erkennen, kurz vor der Abfahrt von der Autobahn Richtung Vierzehnheiligen. Zwei barocke Kleinode des Obermain.
Die  Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen wurde von dem berühmten Architekten Balthasar Neumann erbaut und erst vor wenigen Jahren umfassend renoviert. Vom 15. Jahrhundert bis heute streben Wallfahrer nach Vierzehnheiligen, einem der bekanntesten Wallfahrtsorte, um den Schutz der 14 Nothelfer zu erbitten.

Einer von ihnen hilft auch den Blasmusikern. Es ist der hl. Blasius dem ich eine Kerze stifte. Beim frostigen Gang um die Kirche darf er gerne noch mal helfen mit seinem „nachhaltigen“ Blasiussegen.

Fast unbemerkt ist aus Franken Thüringen geworden. Keine Grenze und kein Wachtturm mehr. Was sind wir alle froh!
Doch der Mensch ist auch ein hungriges Wesen und denkt zu gern an Verlockendes: Thüringer Bratwurst zum Beispiel. Das Mikrophon reißt mich aus den Gedanken. Norbert kündigt das nahe Sonneberg an mit seinem weltberühmten Spielzeugmuseum. Und im Besonderen Herrn Krumholz, einem Relikt aus alten und vergangenen Holzschnitzer Zeiten.

Und da steht er nun vor seinem Auto. Ein freundlicher älterer Herr, der alles vorbereitet hat. Auf dem Autodach stehen bunt bemalte Spiel-zeugfiguren – große und kleine. Im Kofferraum in papiergefütterten Schachteln die besonders wertvollen Stücke. Herr Krumholz begleitet uns durch das Museum.

Nun wissen wir auch, wie Spielzeug vor 500 Jahren aussah! Kennen Puppenköpfe aus Biskuitporzellan, zart im Teint und liebreizend im Ausdruck. Haben  Miniaturen von Liliputanern aus Brotteig gesehen. All dies und noch vieles mehr konnte man im Deutschen Spielzeugmuseum entdecken.
Für die Älteren von uns wird der Besuch des Museums zu einer Reise in die Kindheit, wo wir viel Bekanntes wiederentdecken, mit dem wir selbst einmal gespielt haben.

Zurück in der frischen Luft auf dem Weg zum warmen Omnibus kommen wieder ganz irdische Gedanken, die seltsamerweise bei der Bratwurst enden. Aber weit und breit keine Grillstation…
Dann eben Hopfengold pur.

Schorsch muss kräftig in die Eisen steigen und durch unzählige Kurven manövrieren. Wir haben die Autobahn längst hinter uns, dafür Natur pur. Dichte Wälder, kleine Dörfer und stetig bergauf Richtung Neustadt am Rennsteig. Kurz vor der Ankunft am Sonnenhotel Kammweg fängt es zu tröpfeln an. Begrüßung und Schlüsselverteilung durch die jungdynamische Hotelleiterin erfolgt im Bus, bis jeder zugibt einen Zimmerschlüssel zu haben.
Und nach dem Essen wird musiziert. Aber heute nur die Standards!

 

Samstag, Tag der Deutschen Einheit und somit Feiertag.
Neun Uhr Abfahrt nach Rudolstadt zur Heidecksburg.
Majestätisch über der Stadt thront die mächtige dreiflügelige Barockanlage der Heidecksburg. Das Schloss entstand in der zweiten Hälfte des 18.Jh. auf den Trümmern eines 1735 abgebrannten Renaissance-schlosses und war bis 1918 die Residenz der Fürsten von Schwarzburg – Rudolstadt. In ihrem Inneren birgt die Heidecksburg architektonisch und kulturhistorisch wertvolle Kostbarkeiten. Glanzpunkt ist der Festsaal, der zu den schönsten des deutschen Rokoko zählt.

Hier hätten wir die Akustik, die gestern abends bei der Probe so sehr gefehlt hat – wir könnten die Nummer 253 spielen – den Marsch Hoch Heidecksburg… die freundliche und kompetente Museumsführerin entschädigt uns mit „Hoch Heidecksburg“ vom Band und Friedel bittet Renate zum Tanz.
Großartig die Sonderausstellung 250 Jahre Porzellan: Menschen-bilder 1900 – 2000. Künstler arbeiten für Thüringer Porzellanmanu-fakturen, besonders bemerkenswert mit den Figuren von „Rococo en miniature“. Und eine Bildergalerie über mehrere Stockwerke. Die Zeit ist knapp bemessen. Ein Blick von der Burgmauer auf Rudolstadt muss genügen.

Wir sind angemeldet in der Watzdorfer Erlebnisbrauerei in Bad Blankenburg. Kühl, nüchtern, blitzblank und alles gefliest – es riecht nicht sehr nach „Erlebnis“. Auch der Braumeister nicht wenn er doziert „…durch anfeuchten des Getreides wird die Keimung angeregt, damit die benötigten Enzyme gebildet werden …, die entstandene Maische durchläuft verschiedene Temperaturstufen…, um die Stärke in der Maische in vergärbaren Zucker umzuwandeln…“

Kurz gesagt, das Bier hat gut geschmeckt, ist allerdings appetit-anregend. Für Abhilfe ist gesorgt auf Burg Greifenstein in der Burg-schänke. Die Plätze sind vorbestellt und Schorsch quält den Bus die schmalen Serpentinen bis zu einem abschüssigen Parkplatz hoch und nach einer deftigen Brotzeit wieder den steilen Berg runter. Flott geht es zurück zum Hotel am Rennsteig.
Norbert hat für die abendliche Musikprobe den Wirt des Gasthauses Hubertus begeistert und wir mit unserer Musik alle Gäste. Ein fröhlicher und gelungener Tagesabschluss.

Sonntag; Abfahrt 9 Uhr mit Ziel: Glasfabrik in Lauscha. Typische Mittelgebirgslandschaft; waldreich mit schmalen, tiefeingschnittenen Tälern und schiefergedeckten, eng zusammenstehenden Häusern. Dem Glas auf der Spur, so der Anspruch bei der geführten Information  in der Farbglashütte mit Bild und Ton, sowie einer Werkschau der Glasbläser. Dann tauchen wir ein in die unzähligen Artikel aus buntem Glas in den Verkaufsräumen. Und wenn´s auch nur ein paar Christbaumkugeln werden…

Mit der zerbrechlichen Fracht im Gepäck steuern wir unser letztes Ausflugsziel an: das Festspielhaus in Bayreuth. Die Täler werden weiter, die grauen schiefergedeckten Häuser seltener und schließlich verlassen wir Thüringen. Wenn es auch nur zwei Tage waren und wir nur einen Bruchteil er-“fahren“ und erleben konnten, war es doch sehr sehenswert.

Bis wir die Rückseite des Festspielhauses erreichen ist es ein paar Minuten nach Zwei. Alles verriegelt und verrammelt…kein Mensch zu sehen durch die verglaste Fassade. Ich vertreibe mir die Wartezeit mit gesummten Wagnermelodien aus Fliegendem Holländer und Ring der Nibelungen. Endlich: „Hagen von Tronje“ steht zur Führung bereit. Unnachsichtig und noch viel weniger einsichtig. Es herrscht der Wagnersche Geist, der eigene Zeitbegriffe definiert – zehn Jahre Wartezeit für eine Eintrittskarte. Da waren wir mit einer Stunde warten gut bedient, allerdings auch mit dem Informationsgehalt der Führung. Der gesamte Zuhöhreraum als Resonanzboden, das ist einfach genial. Als wir den Orchestergraben verlassen, ist uns allen klar: lieber in Tracht mit Hut beim Feuerwehrfest in Hochbrück.

Wir schwimmen auf der Autobahn Richtung Garching und meine Gedanken gehen rückwärts von Vierzehnheiligen über Sonneberg zum Rennsteig, nach Rudolstadt mit Heidecksburg, nach Lauscha und allem was dazwischen war.
Norbert hat mit seiner Auswahl den Reiz gesetzt, Thüringen in die engere Wahl zu nehmen, um es behutsam zu entdecken. Die Mitte Deutschlands mit seinen historischen Städten und seiner reichhaltigen Geschichte. Der Geheimtipp: neben Goethe gibt es in Weimar ein Bratwurstmuseum…

Karl-Friedrich Dyck