2008: auf Reisen

Unser Zauberspruch für die dreitätige Fahrt in den Schwarzwald heißt: Neun Uhr Abfahrt! Alles andere ist organisiert. Abfahrt also um 9 Uhr am Freitag. Feiertag. Tag der deutschen Einheit. Das Wetter herbstlich kühl und trüb.
Norbert Kutta (im weiteren Text N.K.), Leiter der Musikschule Garching und des Blasorchester, stimmt uns auf die Reise eine. Schorsch der Busfahrer freut sich auf die Fahrt mit uns; er kennt die musikalische Gruppe seit vielen Jahren und hat auch diesmal ein holledauer Bierschmankerl im Gepäck. Es ist Frühschoppenzeit.
Die „Jugend“ erinnert sich an fröhliche Schulbuszeiten und belegt selbstverständlich die hinteren Plätze. Kein Spruch bleibt unkommentiert, der Wortwitz überragt. Kili übernimmt  Verantwortung – er zapft ein Minifass.

Kurz vor Ulm runter von der Autobahn und zwanzig Minuten Pause an einer Rastanlage. Zeit  für einen Espresso.

Entlang der immer kleiner werdenden Donau, eingegrenzt von steilen und felsigen Rändern, stimmt uns N.K. auf Blaubeuren und den Blautopf ein. Ein kurzer Spaziergang – zur Vorsicht mit Schirm – vorbei an schönen Fachwerkhäusern geht es zur alten Nagelschmiede und zum 21 Meter tiefen Blautopf. Die tiefste und größte Quelle Deutschlands. Unbedingt sehenswert die gotische Klosterkirche. Wie schön mag hier ein Bläserquintett klingen?

Unser nächstes Ziel ist Beuron.
Im Tal der jungen Donau liegt das 1077 als Augustiner Chorherrenstift gegründete Kloster. Für den kunstsinnigen Betrachter ist das Miteinander von barocker Baukunst der Hauptkirche und der 1898 angegliederten Kapelle als Raum für die vielverehrte Beuroner Pieta im „Beuroner Stil“ von einmaliger Bedeutung. Kurz den Regenschirm aufspannen und die mittelalterliche Holzbrücke, ein Meisterwerk der alten Handwerkskunst, besichtigen. Ein kleiner Hunger nagt irgendwo – es ist Feiertag und alle Läden dicht.
N.K. erklärt über das Bordmikrophon den unterschiedlichen Baustil der Wohn- und Bauernhäuser von Schwaben und Württemberg. Wir werden aufpassen. Im Bus ist es verdächtig still geworden. Auch die „MP3-Freaks“ lassen sich mit geschlossenen Augen berieseln.
Im Kreisverkehr vor Donaueschingen werden wir wachgeschüttelt, den der Schorsch im jugendlichen Übermut forsch angefahren ist. Am Tagesziel freut sich Herr Käfer, der Hotelier, auf unseren Besuch. Cornelia verteilt die Zimmerschlüssel und verkündet die Essenszeit. Zeit wird´s!

Gerd straft jeden, der von „lecker Essen“ spricht – es war guad – basta. So gestärkt können wir eine Orchesterprobe überstehen und dann in lockerer Runde bei Bier und Wein den Tag ausklingen lassen.

Der Zauberspruch für den neuen Tag – 9 Uhr Abfahrt! Auf dem Plan steht der Besuch der Brennerei Ritter auf dem von 1440 stammenden Rotbauernhof. Wir schließen uns der Hausphilosophie an – „der moderne Edelbrenner überlässt alles der Natur, aber nichts dem Zufall“ – und probieren die guten Schnäpsle. Der Hochschwarzwald überrascht uns mit dichtem Schneefall rund um den Feldberg in Richtung Titisee, dem heilklimatischen Kurort auf 850 m. Gerade richtig für die Regeneration nach  feuchtfröhlicher Runde am Vorabend und der Schnapsprobe. Es ist Mittagszeit und der Appetit reicht von Aal geräuchert bis Zander gebraten oder soll es doch eine Schwarzwälder Torte sein? Bei der Abfahrt in Richtung Bad Säckingen ein Blick durch das trübe Busfenster auf den Titisee. Vielleicht später einmal, bei schönerem Wetter.

„Die Wolken fliehn, der Wind saust durch die Blätter, ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld…“ so der Text vom Trompeter von Säckingen. Aber auf dem Parkplatz angekommen lichtet sich der Himmel und ein freundlicher Museumsführer wartet auf uns. Die Türe wird hinter uns abgesperrt. Ganz exklusiv und erstklassig vorgetragen die Führung  für uns.
Von der Naturtrompete aus dem Jahr 1664 bis in die Jetztzeit. Von der Leihgabe berühmter zeitgenössischer Trompeter bis zum ältesten noch blasbaren Alphorn aus der Schweiz. (Der Chronist ist bestärkt in der Ansicht, das richtige Instrument gewählt zu haben; vielleicht etwas mehr üben…)
Und weil auch inzwischen die Sonne scheint, begleitet uns der Führer zur längsten gedeckten Holzbrücke in Europa aus dem 18. Jahrhundert. Ein großartiges Bauwerk.

Schwäbische Hausmannskost wartet im Hotel auf uns und heimischer Federweiser für den ersten Durst. Die Trompeter waren hörbar beflügelt bei der abendlichen Probe, so forsch klang das neue Stück „Triomfa“ bislang noch nie. In geselliger Runde geht ein schöner Tag zur Neige und morgen wird der Zauberspruch wieder heißen – 9 Uhr Abfahrt!
Unser Hab und Gut im Bus verstaut, wollen wir einen Blick in den Donauursprung wagen. Die Herren und Damen zu Fürstenberg wollen das zwar verhindern, aber N.K. kennt den Hintereingang. Nun ja  –  bis zur Donaumündung muss das Rinnsal kräftig zulegen.

Der Hochschwarzwald zeigt sich von seiner alpinen Seite. Steile Schluchten und enge Straßen führen uns nach Triberg. Wie Schwalbennester kleben die Häuser an den steilen Hängen. Die als Wasserfall getarnte Guttach sehen wir im vorbeigehen. Wir sind angemeldet im Musikinstrumenten Museum und werden von der fachkundigen Führerin erwartet. Die Räume sind erfüllt von der Musik der Orchestrien. Lebensgroße  bewegliche Figuren trommeln, pfeifen und blasen vor malerischer Kulisse. Drehorgeln und selbstspielende Klaviere sind zu bewundern. Eine bedeutende Uhrensammlung ist zu bestaunen, sowie eine Übersicht über die Entwicklung der Trachten bis hin zu einer verwinkelten Bergwerkswelt.

Der Bus wartet. Die Fahrt führt uns zum Rheinfall bei Schaffhausen.

Aus luftiger Höhe bietet sich eine imposante Draufsicht auf einen tosenden Fluss – mehr Gischt als Wasser – in vielen Stufen herabstürzend. Mit uns staunen hunderte von Besuchern.
Beschaulicher und verträumt hingegen die nächste Sehenswürdigkeit, das Kloster Birnau am Ufer des Bodensees. Die Basilika und Wallfahrtkirche ist ein barockes Juwel. Die Lage unvergleichlich. Eine herrliche Kulisse aus Kirche, glitzernder See und frisch angeschneite Berge.

Die Fahrt nach Hause ist weit. Cornelia füttert uns zum Trost mit Gummibärchen, Zuckermäusen und alles, was Kinder eben gerne naschen. Die „Jugend“ plant einen Überfall auf den nächstbesten McDonald und deckt sich mit „lecker Chicken“ ein. Vom holledauer Bierschmankerl wird kaum etwas übrig bleiben.
In der Erinnerung hingegen wird vieles hängen bleiben: eine ungezwungene, kameradschaftliche Musikantengruppe zwischen 18 und 75. Ein Reiseleiter und Organisator der uns Perlen der näheren Heimat gezeigt hat. Und ein wehmütiger Schorsch, der uns gerne auch noch weit über das Rentenalter hinaus chauffieren will. Und Cornelia hortet schon Zuckermäuse für die nächste Reise.

Karl-Fr. Dyck